Stein für stein
– Nachhaltig und digital

Nachhaltigkeit gehört zweifellos zu den Themen unserer Zeit. Nachhaltigkeit ist aber auch ein schleichender Prozess. Sie rettet nicht täglich die Welt im großen Stil, sondern verbessert sie schrittweise im Kleinen. Abläufe werden immer effizienter und Materialien klüger eingesetzt. Nachhaltigkeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen großer Bedeutung und kleiner Wahrnehmung, zwischen ernsthaftem Anliegen und gelegentlicher Überinszenierung. Das führt zu der Frage: „Wie relevant ist das alles eigentlich im Alltag?“ Denn Nachhaltigkeit ist inzwischen überall. Sie klebt auf Verpackungen, steht in Geschäftsberichten, fließt durch politische Reden. Nichts scheint mehr ohne sie auszukommen. Selbst ein Mauerstein weist bald mehr Umweltbiografie auf als mancher Mensch.
Ressourcen schonen, Emissionen reduzieren, die Welt nicht ruinieren – alles solide Ziele. Doch hat der Bauherr die Wahl zwischen einem günstigen und einem „nachhaltig optimierten“ Produkt, greift er bislang nur selten zu Letzterem, insbesondere wenn die Unterschiede vermeintlich marginal und nur auf dem Papier zu erkennen sind, in sorgfältig berechneten Umweltleistungen, irgendwo zwischen CO₂-Äquivalenten und Lebenszyklusanalysen.
müssen allein in der Baustoffindustrie erstellt werden.

b.schaefer@bvbaustoffe.de
Vom bauchgefühl zur kennzahl
Mit der Bauprodukte-Verordnung soll diese Unsichtbarkeit greifbar, das Gute messbar gemacht werden. Sie verwandelt moralische Intuition in Kennzahlen. Im Zeitalter der Umweltdaten kann alles gemessen und auf Nachkommastellen genau bestimmt werden. Jede Minute werden Millionen neuer Datenpunkte erzeugt. Doch macht die vierte Nachkommastelle wirklich einen Unterschied? Was brauchen wir wirklich, um kluge Entscheidungen für effizientes Bauen zu treffen? Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, noch mehr Daten zu sammeln, sondern besser zu verstehen, welche davon relevant sind – und die übrigen eher nachrangig zu behandeln. Ein revolutionärer Gedanke im digitalen Zeitalter.
Unternehmen haben längst gelernt, mit dieser Sprache umzugehen. Sie optimieren, deklarieren, berichten. Nachhaltigkeit wird zur Disziplin und zum Wettbewerb. Wer hat die bessere Umweltleistung? Wer die überzeugendere Geschichte?
Unternehmen wollen bauen, verkaufen, innovieren – und finden sich heute in Gesprächen über Datenformate und digitale Produktpässe (DPP) wieder, die auch die Umweltleistung dokumentieren. Der digitale Produktpass ist eine brillante Idee aus der modernen Welt – dynamisch, vernetzt, stets aktualisierbar. Ein digitaler Zwilling für Dinge, die selbst dann noch existieren, wenn die heutigen Dateiformate längst als archäologische Kuriosität gelten. Gerade zu langlebigen Baustoffen bilden sie einen seltsamen Kontrast: Während Stahl und Beton auch nach Jahrzehnten noch unverändert solide dastehen, haben sich in der digitalen Evolution Formate geändert, Plattformen werden eingestellt, Systeme migriert und Daten archiviert.
Zwischen anspruch und Praxis
Der digitale Produktpass hat seine theoretische Berechtigung. Wer weiß, was verbaut ist, kann besser sanieren, recyceln, planen. Doch die Praxis wirft Fragen auf: Wer pflegt diese Daten über ein Jahrhundert hinweg? Und was passiert, wenn das Gebäude mehrfach den Besitzer wechselt, Technologien sich ändern und niemand mehr so genau weiß, wie man den digitalen Schatz eigentlich hebt? Der Produktpass wird dann zum stillen Zeitzeugen – vorhanden, aber ein wenig vergessen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Der digitale Produktpass ist ein Versuch, der Ewigkeit des Bauens ein Gedächtnis zu geben. Ob dieses Gedächtnis so langlebig ist wie das Bauprodukt, wird sich zeigen. Der Aufwand, der Herstellern damit heute aufgebürdet wird, ist allerdings erheblich. Und er erhöht sich mit jeden neuen Datenpunkt.
Links
↗ BDI-Position zur Normungsverordnung
↗ BDI-Position zur Revision des NLF
Botschaften
‒ Einführungeines EU-einheitlichen Berechnungs-Tools für Umweltdaten
‒ Reduktionder DPP-Angaben auf ein Minimum zur Vermeidung laufender Aktualisierungen
